Mit dem Vorschlag von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, eine Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich als Option für Betriebe zu vereinbaren, steigt mal wieder die Diskussion um das Konzept. Ist die verkürzte Arbeitswoche Zukunftsmodell oder Stressfaktor?

Historisch gesehen ist der Streit um die angemessene Arbeitszeit keine neue Debatte: 1955 begannen die Gewerkschaften in Deutschland für eine 40-Stunden-Woche zu kämpfen. Der Samstag sollte frei sein - fünf Tage die Woche arbeiten würde reichen, so das Postulat der Arbeitnehmer. 

 

40 Prozent mehr Leistung bei Microsoft

Heute diskutiert man um einen weiteren Tag. Aber kann das funktionieren? Das wohl bekannteste Experiment zu diesem Thema führte Microsoft Japan Mitte des vergangenen Jahres durch. Ohne Veränderungen beim Gehalt arbeiteten die Angestellten des Unternehmens nur noch vier Tage die Woche und hatten dann drei Tage Wochenende. Fast 40 Prozent mehr Leistung hätten die Mitarbeiter dadurch laut Microsoft erbracht. Auch habe die angepasste Arbeitszeit zu niedrigeren Energie- und Druckkosten, sowie einer höheren Motivation der Angestellten geführt. 

 

Mehr Fokus und Work-Life-Balance

In Deutschland wagte sich beispielsweise das einstige Start-up Erento an die Vier-Tage-Woche heran und verzeichnete ebenfalls durchwegs positive Ergebnisse. Laut einer Pressemitteilung verzeichnete das Unternehmen höhere Mitarbeiterzufriedenheit mit gleichbleibenden Ergebnissen im Sales-Bereich und einem Zuwachs bei der Neukundenbetreuung. „Die Belegschaft war um einiges fokussierter. Auch die Balance zwischen Beruf und Privatleben konnte deutlich besser organisiert werden“, so Luka Dremelj, CEO von Erento. 

 

Das wünscht sich Deutschland 

66 Prozent der deutschen Arbeitnehmer würden sich laut einer Umfrage von Citrix eine Vier-Tage-Woche bei gleichem Verdienst wünschen, fünfzehn Prozent würden für kürzere Arbeitszeiten auch  Gehaltskürzungen in Kauf nehmen. Während zwar hauptsächlich Arbeitgeber bedenken bei der Einführung einer Vier-Tage-Woche haben, sind auch einige der Arbeitnehmer skeptisch: Ein knappes Drittel der Studienteilnehmer beispielsweise befürchtet, ihre Arbeit nicht in vier Tagen erledigen zu können. Auch interessant: Im Vergleich zu Großbritannien und Frankreich sind die Deutschen pessimistisch, was die Umsetzung des Konzepts angeht. Während vierundzwanzig Prozent der befragten Briten und dreizehn Prozent der Franzosen die Einführung der Vier-Tage-Woche für wahrscheinlich halten, sind es in Deutschland nur sieben Prozent.

 

Weniger Flexibilität 

Ob die Vier-Tage-Woche eine flächendeckende und vor allem branchenübergreifende Option ist, bleibt abzuwarten. Ryan Carson, Gründer und Geschäftsführer der Online Learning Plattform Treehouse, berichtet in einem Interview mit GrowthLab von seinen negativen Erfahrungen mit der verkürzten Arbeitszeit, vor allem bei noch jungen Startups: „Es hat unserer Arbeitsmoral geschädigt und war langfristig schädlich für unser Unternehmen und unsere Mission“. Insbesondere bei Startups sei anfangs viel Flexibilität und Einsatzbereitschaft notwendig, um die Vision umsetzen zu können. Die kürzere Arbeitswoche könnte sich in solchen Fällen also negativ auswirken.

 

Auf dem Weg zum neuen Standard? 

Für IG-Metall-Chef Hofmann wäre die Vier-Tage-Woche vor allem eine Möglichkeit, Arbeitsplätze zu erhalten: "Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie. Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben", so Hofmann gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die verkürzte Arbeitswoche ist also nicht nur ein Thema für  Dienstleistungsunternehmen, sondern auch in der Industrie eine diskutierte Möglichkeit. Ob sie sich deutschland- oder sogar weltweit als neuer Standard nach der Fünf-Tage-Woche durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.