Der Investor und Ex-Juror bei „Die Höhle der Löwen“ ist so etwas wie der Start-up-Botschafter der Nation. Mit uns sprach Frank Thelen über brillante Ideen, große Visionen und die Suche nach neuen Helden.

Wenn man Ihre Investmentaktivitäten in den Medien verfolgt, bekommt man den Eindruck, es vergeht kein Tag, an dem nicht eine Riesenidee auf Ihrem Schreibtisch landet. Stimmt dieser Eindruck?

Frank Thelen: Nein, das kommt ehrlicherweise sehr selten vor. Meine Investmentfirma Freigeist bekommt tausende Anfragen. Außerdem screenen wir regelmäßig fast alle Start-up-Programme im deutschsprachigen Raum. Da ist es wirklich schwierig, das eine Unternehmen zu finden, bei dem sowohl der Markt als auch das Gründungsteam so stark sind, dass sich ein Erfolg abzeichnet. Von 1.000 Bewerbungen kommen vielleicht 100 in die engere Auswahl. Mit denen beschäftigen wir uns dann ein paar Stunden. Davon wählen wir dann wiederum zehn aus, die wir uns dann mehrere Tage ansehen. Und am Ende bleibt nur ein Unternehmen übrig. Aber das könnte dafür ein neuer Weltmarktführer werden, den wir mitaufbauen.

Reicht denn eine brillante Idee aus, um Erfolg zu haben?

Thelen: Die Idee ist nur der Anfang. Das wirklich Entscheidende ist die Ausführung, also wie das Team zusammenarbeitet und das Produkt aufbaut. Gründer müssen besessen sein von ihrer Vision. Sie müssen hart arbeiten und alles andere zur Priorität B machen.

Und woran hakt es dann bei den 999 Unternehmen, die bei Ihnen keine Chance bekommen?

Thelen: Es muss einfach alles perfekt sein. Das Gründungsteam sollte sich gut ergänzen. Wir brauchen nicht drei BWLer oder drei Entwickler. Wir brauchen ein Team, in dem einer stark im Vertrieb ist, einer stark im Produkt und einer stark in der Technik. Und dann müssen die Firmen auch zu uns passen. Das ist nicht so einfach. Wir haben eine klare Vorstellung, was wir gut finden und in welchen Bereich wir investieren wollen. Bei Freigeist geht es um tiefgreifende Technologie: zum Beispiel ein Flugzeug oder einen Energiespeicher mit Nanotechnologie.

Gerade im Technikbereich hinken wir mit unseren Start-ups oft hinter anderen Ländern her. Gleichzeitig nennt Deutschland sich gerne das „Land der Ideen“. Ist das also nur Wunschdenken?

Thelen: Es kommt darauf an, was man als Idee definiert. Auch eine neue Nagelfeile ist eine Idee, und das ist auch völlig in Ordnung. Die Frage ist aber eher: Sind wir noch das Land der großen Ideen? Ferdinand Porsche hat sich einst geschworen, den besten Sportwagen der Welt zu bauen. Daraus ist dann das Unternehmen Porsche entstanden. Das fehlt uns heute in Deutschland: die großen Ideen mit Ambitionen. Da sind wir schlecht. Wir haben gute Forschung und gute Universitäten. Aber uns fehlen Leute, die sowohl die großen Ideen als auch den Mut und den Instinkt haben, diese Visionen dann umzusetzen – wie ein Jeff Bezos oder ein Elon Musk. Da sind wir leider sehr weit abgeschlagen.

Jeff Bezos, Elon Musk oder auch Mark Zuckerberg kommen alle aus dem Silicon Valley. Was machen die Unternehmen dort eigentlich besser?

Thelen: Im Silicon Valley wurde einst eine Art positive Spirale ausgelöst. Das fing ja schon lange vor der Erfindung des Internets an: Hewlett Packard und Microsoft haben die PC-Revolution ins Rollen gebracht. Die großen Tech-Unternehmen haben immer wieder viel voneinander gelernt. Steve Jobs zum Beispiel hat ein Praktikum bei HP gemacht, bevor er Apple gegründet hat. Heute sind es wiederum Google oder Facebook, die eine neue Generation befeuern. Da ist ein riesiger positiver Sog entstanden – mit Kapital, Ideen und einer ganz speziellen Gründerstimmung. Und das müssen wir jetzt irgendwie in Deutschland aufholen, durch Impulse aus Politik, aus der Wirtschaft und auch aus dem Volk, aus jedem von uns.

An welchen Stellschrauben müsste man drehen, um der Gründerstimmung hierzulande einen Schub zu verpassen?

Thelen: Eine bessere Bildung ist wichtig, sowohl an den Schulen als auch an den Universitäten. Wirtschaft muss Teil des Unterrichts werden. Zum anderen brauchen wir deutlich mehr Wagniskapital. Im Vergleich zu den USA oder China ist das, was wie hier veranstalten, leider ein Kindergeburtstag. Und ich wünsche mir Helden. Warum spielen die Deutschen heute so gut Tennis? Wegen Boris Becker und Steffi Graf. Das brauchen wir auch im Bereich der Start-ups. Helden, zu denen kleine Jungs aufschauen, so wie ich heute zu Elon Musk aufschaue.

Gründerinnen, zu denen dann vielleicht die kleinen Mädchen aufschauen, sind in der Start-up-Landschaft extrem unterrepräsentiert. Ist auch das ein Teil des Problems?

Thelen: Total. Nach allen Fakten, die mir vorliegen, sind Frauen sogar oft die besseren Gründerinnen. Und gemischte Teams arbeiten in der Regel besser zusammen als reine Männer-Teams. Aber wir können die Frauen auch nicht herzaubern. Es ist leider einfach so, dass sie seltener Mathematik oder Informatik studieren. Wenn wir mehr Gründerinnen haben wollen, müssen wir Frauen viel früher abholen und fördern. Da wären wir dann wieder bei der Bildung.

Ein Magazin hat Sie einmal den „Start-up-Botschafter der Nation“ genannt. Eine Ehre – oder doch eher eine Bürde?

Thelen: Ich akzeptiere das einfach. Natürlich gibt es auch noch viele andere tolle Gründer und Botschafter. Aber durch die Fernsehshow bin ich nun mal in der Breite bekannt und versuche, Start-ups und Innovationen auf allen Ebenen zu fördern. Dafür arbeite ich auch sehr hart. Mein Tag ist extrem eng getaktet. Aber ich mache es aus einer Passion heraus und ich mache es gerne.

Bleibt dazwischen überhaupt noch Zeit für eigene Ideen?

Thelen: Natürlich. Aber ehrlicherweise kommen die meistens dann, wenn ich ein bisschen raus bin: beim Wandern, beim Snowboarden, unter der Dusche.