Oliver Leisse war lange Zeit Strategie-Berater bei internationalen Werbeagenturen, bis er 2008 das Trendforschungsinstitut SEE MORE gründete. Das Institut erforscht Trends und innovative Strategien auf Basis ethnografischer Forschung in über 50 Metropolen der Welt. Einhundert Mitarbeiter untersuchen zu diesem Zweck vor Ort Bedürfnisse und Wünsche von Konsumenten, um so Entwicklungen strategisch kategorisieren zu können. Leisse und sein Team beraten Kunden wie die Deutsche Bank, Microsoft, Google und mehr.  Uns hat er über das Unsicherheitsparadox aufgeklärt und erzählt, ob ihm seine Blicke in die Zukunft manchmal Angst machen.  

 

Wie trinkst du deinen Kaffee?

Seit fast zwanzig Jahren mache ich morgens für meine Frau einen Cappuccino und mir einen Espresso, das ist der erste Job, den ich am Morgen zur Zufriedenheit meiner Frau erledige. Happy wife, happy life.

 

Wer oder was inspiriert dich?

Die Zukunft selbst inspiriert mich. Sie ist ja nie da, sondern immer eine Annahme. Man steht auf (Kaffee in der Hand) und überlegt sich die nahe Zukunft – wie sich beispielsweise der Tag gestalten könnte. Nachmittags spazieren gehen ist die Vision. Dann versucht man diese angedachte Zukunft zu erreichen. Ok, da muss ich bestimmte Jobs morgens erledigen. Nun kann man die Zukunft immer nur ein bisschen planen, da gibt es die Möglichkeit, dass es nicht so klappt, wie man sich das überlegt hat. Zum Beispiel kann es regnen.

Über die Zukunft nachzudenken ist sehr inspirierend, kreativ und oft auch anstrengend. Da es anstrengend ist, machen es leider auch nicht so viele Menschen, es würde uns allen aber helfen, wenn wir den Diskurs über die Zukunft gemeinsam beginnen würden, denn sonst denkt sie jemand anderes für uns. Zum Beispiel die Damen und Herren aus dem Silicon Valley oder den asiatischen Metropolen….

 

Wo setzt du noch auf analoge Technik?

Ich liebe es von Zeit zu Zeit mit einer mechanischen Tastatur mit den einzig wahren Cherry-Switches rum zu klackern. Nervt aber auch das Umfeld. Ich arbeite am liebsten in Coworking Spaces.

 

Was ist ein Thema, dass dich gerade besonders fasziniert?

Wie wir die aktuellen Krisen – Corona, wirtschaftliche Krise, Klimawandel mit den richtigen Entscheidungen gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass uns Automatisierung und KI sehr viel Arbeit abnehmen wird. Meine Vision ist, dass wir viel mehr Zeit haben werden. Wir sollten uns überlegen, wie wir die Zeit sinnvoll füllen können.

 

„Zukunftsforscher“ ist ein spannender Jobtitel - Aber lässt sich die Zukunft überhaupt erforschen?

Ja. Aber nur die nahe Zukunft. Alles über 4 bis 5 Jahre ist eine sehr vage Prognose, insbesondere in den Zeiten der Unsicherheit, in denen wir ja gerade leben. Ich bin seit 20 Jahren als Zukunftsforscher tätig und unser Institut SEE MORE ist ziemlich gut in den Annahmen für die kommenden Jahre. Die großen Verwerfungen kann man natürlich zeitlich nicht festmachen. Dass es eine Pandemie geben würde, war wahrscheinlich, aber natürlich nicht die Umstände und der Zeitpunkt. Das wir wirtschaftliche Problem gerade nicht lösen, sondern nur aufschieben, ist erkennbar. Dass die Klimakatastrophe unsere Welt verändern wird, ist erkennbar.

 

Was braucht es, um Trends erfolgreich vorhersagen zu können?

Ein Beobachtungs-Netzwerk und schlaue, empathische Mitarbeiter. Haben wir beides: Wir arbeiten mit Mitarbeitern in 50 Metropolen zusammen. Da muss man dann nur genau hingucken, was aktuell passiert und daraus Schlüsse ziehen.

 

Was sind wichtige Entwicklungen, die man zurzeit nicht verpassen sollte?

Das Unsicherheitsparadox. Unsicher ist das neue sicher. Gestern konnten wir uns noch sicher fühlen, heute müssen wir bereit sein, uns der Unsicherheit zu öffnen. Wer glaubt, er kann so weitermachen wie bisher, den trifft die Veränderung um so härter. Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, sagt: Wir müssen uns dem Wandel anpassen, Wandel suchen und Wandel schaffen. Wir Deutschen steigen da gern beim ersten Teil aus: Wandel anpassen. Bezos versucht aber Wandel aktiv zu schaffen - was er im eCommerce recht eindrucksvoll bewiesen hat. Ich würde mir wünschen, wir wären ein kleines bisschen mutiger und offener für den Wandel. Die Zukunft entscheidet sich jetzt. Wir müssen runter vom Sofa und in den Experimentiermodus übergehen.

 

In deinen Talks redest du unter anderem über KI und ihre Entwicklung. Machen dir die Trends die du siehst manchmal Angst?

Nein. KI ist Evolution, nicht aufzuhalten und ich denke und hoffe, wir behalten noch eine ganze Weile die Kontrolle über die Entwicklungen. KI wird uns viel Arbeit, auch Denkarbeit abnehmen und dafür bekommen wir mehr Quality Time für uns. Wer will schon über Steuererklärungen grübeln? Das macht die KI im Hintergrund viel besser.

 

Wenn du die Möglichkeit hättest, das nächste große Cover einer weltweit aufgelegten Zeitschrift zu entwerfen, was würdest du drauf machen?

Ein Bild meinem Team und mir den Text: Dieses Team kennt die Zukunft! Das wäre peinlich und unentschuldbar eitel, aber ich würde es dennoch machen…

 

Bild: Oliver Leisse, see-more